Biopsychosoziale (BPS) und neuroplastische Modelle werden derzeit unter Begriffen wie „Brain Retraining“ als innovative Therapieansätze für Long Covid beworben. Vergleichbare Konzepte existieren jedoch seit Jahrzehnten. Im Zusammenhang mit myalgischer Enzephalomyelitis (ME) und relevanten Subgruppen des chronischen Fatigue-Syndroms (CFS) sind sie wissenschaftlich widerlegt und potenziell schädlich. Dass diese Konzepte erneut vermarktet werden, betrachten wir mit Sorge. Dies gefährdet Patient:innen, verzerrt die Krankheitsrealität und behindert dringend notwendige Fortschritte in Versorgung, Forschung und Anerkennung dieser Erkrankungen.
Ein signifikanter Anteil der Long-Covid-Betroffenen erfüllt die Konsensus-Kriterien für ME. Long Covid und ME sind komplexe multisystemische Erkrankungen mit objektiv nachweisbaren biologischen Dysfunktionen. Dazu gehören unter anderem immunologische, neurologische, vaskuläre, autonome und metabolische Veränderungen.
Die zentrale Symptomatik bei ME ist die post-exertionelle Malaise (PEM), eine verzögerte und oft schwere Symptomverschlechterung nach körperlicher, kognitiver oder emotionaler Belastung. PEM ist eine pathophysiologische Belastungsreaktion und keine primär psychologische Konditionierung oder Folge „falscher Krankheitsüberzeugungen“.
Neuroplastische Prozesse können bei allen chronischen Erkrankungen und im Nervensystem partiell eine Rolle spielen. Daraus kann jedoch nicht abgeleitet werden, dass Long Covid oder ME primär durch „fehlgelernte“ neuronale Muster entstehen oder andauern oder allein durch mentales Training, Verhaltensänderung oder Aktivierung reversibel seien. Die zentrale Annahme vieler neuroplastischer Modelle, anhaltende Symptome würden wesentlich durch maladaptive Denk-, Verhaltens- oder Schutzmuster aufrechterhalten, entspricht nicht dem aktuellen wissenschaftlichen Verständnis von Long Covid und ME.
Problematisch ist, wenn biologische Belastungsreaktionen bei PEM als dysfunktionale Angst-, Alarm- oder Vermeidungsreaktionen interpretiert werden. Dies kann zu therapeutischen Strategien führen, die Betroffene zu Aktivierung oder Symptomüberwindung motivieren und dadurch schwere sowie teilweise irreversible Verschlechterungen auslösen können.
Gerade Graded Exercise Therapy (GET) gilt aus Sicht vieler Betroffener und gemäss wissenschaftlicher Erkenntnisse als problematisch, während Pacing – also ein konsequentes Energiemanagement innerhalb individueller Belastungsgrenzen – von vielen Patient:innen als hilfreichste Strategie beschrieben wird.
Internationale Leitlinien und systematische Reviews bewerten die Evidenz für biopsychosoziale und neuroplastische Interventionen bei ME insgesamt als niedrig bis sehr niedrig. Ein überzeugender Nachweis, dass anhaltende Symptome durch psychologische oder verhaltensbasierte Mechanismen ursächlich erklärt oder eliminiert werden können, konnte bisher nicht erbracht werden. Auch die Studienlage zu vergleichbaren Modellen bei Long Covid ist widersprüchlich und methodisch limitiert.
Einzelne psychotherapeutische Verfahren, Entspannungsübungen, Atemtechniken oder achtsamkeitsbasierte Ansätze können Betroffenen helfen, besser mit den Folgen einer chronischen Erkrankung umzugehen oder einzelne Symptome – insbesondere Stress oder Schmerzsymptome – zu lindern. Wir kritisieren solche unterstützenden Massnahmen nicht grundsätzlich. Problematisch wird es dort, wo komplexe postinfektiöse Erkrankungen pauschal durch neuroplastische oder biopsychosoziale Modelle erklärt werden und daraus Heilungsversprechen oder aktivierende Therapiekonzepte abgeleitet werden.
Long Covid ist ein heterogenes Krankheitsbild mit neurologischen, immunologischen, kardiovaskulären, vaskulären und metabolischen Ausprägungen. Zudem wurden bei Long Covid zahlreiche biologische Veränderungen im Zentralnervensystem beschrieben, darunter Neuroinflammation, Autoantikörper, Veränderungen der Hirnstruktur sowie ein verminderter zerebraler Blutfluss.
Long Covid Schweiz unterstützt evidenzbasierte Ansätze, die Betroffenen helfen und dem Prinzip „do no harm“ folgen. Wir kritisieren unseriöse kostenpflichtige Angebote, wo Heilversprechen gemacht werden, ohne ausreichend über Grenzen, Kontraindikationen wie PEM und Belastungsintoleranz und andere Risiken der therapeutischen Ansätze aufzuklären.
Mit Steuergeldern finanzierte Kliniken sollten zudem nicht auf nicht evidenzbasierte Ansätze verweisen und aufgrund einzelner Genesungsgeschichten Long Covid, ME und CFS pauschal als «heilbar» deklarieren. Ebenso dürfen sie die Verantwortung für die Genesung nicht einseitig an die Betroffenen delegieren.
Ein undifferenzierter Umgang mit Konzepten wie Brain Retraining, Neuroplastizität oder zentraler Sensibilisierung trägt zur Psychologisierung, Trivialisierung und Stigmatisierung dieser schwer einschränkenden Erkrankungen bei. Die jahrzehntelange Dominanz psychosomatischer Erklärungsmodelle hat wesentlich dazu beigetragen, dass biomedizinische Mechanismen postinfektiöser Erkrankungen zu wenig erforscht wurden, bis heute keine kausalen Therapien für ME und verwandte Erkrankungen zugelassen sind.
Es handelt sich nicht um eine akademische Kontroverse. Es geht um Patientensicherheit, evidenzbasierte Medizin, verantwortungsvolle Gesundheitspolitik und die Anerkennung der Erfahrungen Betroffener.
Forderungen:
1. Keine öffentliche Förderung oder Bewerbung nicht evidenzbasierter biopsychosozialer oder neuroplastischer Programme bei Long Covid, ME und CFS.
2. Therapien, die auf Aktivierung, Belastungssteigerung oder „Überwindung“ von Symptomen abzielen, dürfen bei PEM und Belastungsintoleranz nicht empfohlen werden.
3. Öffentliche Forschungsgelder sollen prioritär in biomedizinische Forschung und die Entwicklung sicherer, evidenzbasierter Therapien investiert werden.
4. Schutz vulnerabler Patient:innen vor potenziell schädlichen Interventionen in Behandlung und Rehabilitation.
5. Keine erneute Diskussion über eine psychosomatische Ursache von Long Covid, ME und CFS. Diese These wurde wissenschaftlich widerlegt.
Link auf ein ausführliches Statement der Schweizerischen Gesellschaft für ME & CFS und ME/CFS Schweiz zu BPS und neuroplastischen Modellen bei ME: https://cdn.sgme.ch/pdf/Stellungnahme-BPS.pdf

